Der Stern von Stakendorf

Alt-Bürgermeister eines kleinen schleswig-holsteinischen Dorfes entzündet Hoffnungslicht über weitem Land

Gerd Köhler gehörte vor 25 Jahren zu den Mitbegründern des kleinen Bürgerwindparks in Stakendorf, einer dörflichen Gemeinde in der schleswig-holsteinischen Probstei, gelegen nahe der Ostseeküste im nördlichen Kreis Plön. Jetzt haben ihn die Anlagen auf die Idee gebracht, zur Adventszeit ein Licht weithin sichtbar über das Land leuchten zu lassen. Zusammen mit klettererfahrenen Helfern hat er einen großen Leuchtstern an einer der beiden Windkraftanlagen montiert – als helles Symbol der Hoffnung in dunkler Corona-Zeit.

Der Dezember an der Ostsee ist kalt, nass, windig und dunkel. Eine Binsenweisheit. Gegen den Winterblues sind aber Kräuter gewachsen: Weihnachtsfeiern etwa, die bunten Weihnachtsmärkte oder das Fest selbst mit seinen vielen Lichtern. Und es ist die Zeit, verstreute Familien an einen Tisch zu bringen, Freunde zu treffen und sich nahe zu sein. Nicht aber in diesem Jahr.

„Den Menschen fehlt
das freudige Zusammensein mit anderen
in der Dorfgemeinschaft“

Die Corona-Pandemie und ihre Regeln verhindern vieles Zwischenmenschliche. „Das macht den Leuten im Dorf schwer zu schaffen“, sagt Gerd Köhler. Der Senior war lange genug Bürgermeister in Stakendorf, um genau zu wissen, wie die Menschen hier ticken. „Viele sind in Kurzarbeit, im Homeoffice oder einfach allein, es fehlen freudige Erlebnisse im Zusammensein mit anderen“, beklagt Köhler. Das belaste viele Menschen besonders jetzt, im Advent. „Und auch, weil wir eine so gute Dorfgemeinschaft sind“, sagt er.

Tatsächlich kommt Stakendorf einem Idealbild vom Landleben mit seiner vielseitigen Landwirtschaft, dem Laden mitten im Ort, einem Kindergarten und dem kleinen Bürgerwindpark mit zwei Windkraftanlagen ziemlich nahe. Letzteren hat Gerd Köhler vor gut 25 Jahren mit ins Leben gerufen. Und jetzt brachten ihn die Windmühlen auf eine Idee, wie er die dunkle Zeit erhellen könnte. Buchstäblich.

Was, wenn er einen Stern leuchten ließe? Ein Licht der Hoffnung auf bessere Zeiten, weithin für alle sichtbar? Als Zeichen, das trotz aller Abstandsgebote niemand wirklich allein sei? „Drei Wochen und etliche Meter Lichterkette habe ich gebraucht, um einen großen Leuchtstern zu bauen“, erzählt Köhler. Gemeinsam mit in Seilarbeit kundigen Helfern hat er ihn schließlich auf halber Höhe an einer der beiden Windkraftanlagen montiert. Ein Abenteuer sei das schon gewesen, erinnert er sich schmunzelnd. Mit einem Baumpfleger und einem bergerfahrenen Kletterer im Team aber kein wirkliches Hindernis.

Wenn es dunkel wird, parkt Gerd Köhler manchmal seinen alten Pickup in der Auffahrt zum Mühlenhügel. Um nach dem Rechten zu sehen. Erst kürzlich, sagt er, habe jemand hier ein Schild krumm gefahren. „Wohl beim Wenden“, vermutet er grinsend. Meist schaut er auch für eine Weile auf den leuchtenden Stern. Sogar vom gut zwei Kilometer entfernten Ostseestrand sei er zu sehen, in den Nachbardörfern sowieso, sagt er. Und wenn er wieder einmal von erstaunten Menschen auf den Stern angesprochen wird, freut sich Gerd Köhler. Still und leise, wie es seine Art ist.

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